**🕳️ „Die Abteilung der Fehlenden
Kafkaesk‑dystopische Erzählung**
Jonas kam früh an diesem Morgen. Oder spät. Er wusste es nicht mehr genau, denn die Uhren im Verwaltungsgebäude zeigten nie dieselbe Zeit. Manchmal liefen sie rückwärts, manchmal standen sie still. Niemand stellte Fragen.
Der Eingang war heute ein anderer. Gestern führte eine breite Treppe hinauf, heute stand dort ein schmaler Gang, der in einen grauen Schacht mündete. Ein Schild hing schief darüber:
„Zutritt nur für registrierte Anwesende.“
Jonas blieb stehen.
Er war sich nicht sicher, ob er als „anwesend“ galt. Er hatte nie eine Bestätigung erhalten.
Trotzdem ging er hinein.
1. Das Büro, das nicht bleiben wollte
Sein Büro befand sich laut Plan im Stockwerk 0B‑14. Doch der Aufzug zeigte keine Zahlen, nur ein pulsierendes Symbol, das aussah wie ein Auge, das ihn beobachtete.
Als die Türen sich öffneten, stand er in einem Flur, der endlos wirkte. Die Neonröhren summten, als würden sie miteinander flüstern.
Sein Büro war da – eine Tür mit seinem Namen. Doch als er sie öffnete, war der Raum leer. Kein Schreibtisch, kein Stuhl, kein Fenster. Nur ein einzelnes Dokument lag auf dem Boden.
Er hob es auf.
„Meldung über eine fehlende Person – Name: unbekannt. Grund: unbekannt. Letzte Sichtung: unbekannt.“
Die Seiten waren leer, aber nicht wirklich leer. Es war, als würde etwas darunter liegen, das sich nicht zeigen wollte.
2. Der Vorgesetzte hinter Glas
Jonas suchte seinen Vorgesetzten. Der Mann saß wie immer hinter einer dicken Glasscheibe, die jedes Geräusch verschluckte. Man sah nur seine Lippen, die sich langsam bewegten, als würde er Worte formen, die niemand hören durfte.
Jonas hielt das Formular hoch.
„Es ist leer“, sagte er.
Der Vorgesetzte nickte, als hätte er diese Antwort erwartet. Er schob ein weiteres Blatt durch die kleine Öffnung.
„Bestätigung der Leere – bitte unterschreiben.“
„Aber ich weiß nicht, was ich bestätige.“
Der Vorgesetzte bewegte die Lippen. Jonas verstand kein Wort. Doch die Geste war eindeutig: Unterschreiben.
Der Stift kratzte über das Papier, als würde er sich wehren.
3. Die Frau im grauen Mantel
Als Jonas zurückging, war sein Büro verschwunden. Nur eine glatte Wand blieb. Ein neues Schild hing dort:
„Büro verlegt. Neuer Standort wird nach Bearbeitung Ihres Antrags mitgeteilt.“
Er erinnerte sich nicht, einen Antrag gestellt zu haben.
Im Flur begegnete er einer Frau im grauen Mantel. Sie hielt dasselbe Formular in der Hand.
„Suchen Sie auch jemanden?“, fragte Jonas.
Die Frau sah ihn an, als würde sie durch ihn hindurchsehen.
„Ich suche mich selbst“, sagte sie. „Aber ich bin seit Wochen nicht mehr aufgetaucht.“
Ihre Stimme war ruhig, fast resigniert. Als hätte sie längst akzeptiert, dass man sich in diesem Gebäude verlieren konnte – nicht nur körperlich, sondern vollständig.
4. Die Durchsage
Plötzlich ertönte eine Lautsprecherdurchsage. Die Stimme war metallisch, ohne jede Emotion.
„Achtung. Die Abteilung der Fehlenden wird neu strukturiert. Alle Mitarbeiter gelten bis auf Weiteres als vermisst.“
Die Frau im grauen Mantel nickte nur. „Dann bin ich jetzt offiziell verschwunden.“
Sie ging weiter, und Jonas sah, wie sie in einer Menge von Angestellten verschwand, die plötzlich aus Türen strömten, die vorher nicht existiert hatten.
5. Der Bericht, der sich selbst schrieb
Jonas blieb allein im Flur zurück. Er sah auf das Formular in seiner Hand.
Die Seiten waren nicht mehr leer.
Langsam, wie von unsichtbarer Hand, erschien Schrift:
„Fehlende Person: Jonas. Letzte Sichtung: vor wenigen Minuten. Status: unklar.“
Er spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Ein kalter Luftzug strich durch den Flur. Die Lichter flackerten.
Er blinzelte – und sein Name begann zu verblassen. Buchstabe für Buchstabe löste er sich auf, als würde er ausradiert.
Jonas wollte sich bewegen, doch seine Beine fühlten sich schwer an. Er wollte sprechen, doch seine Stimme blieb stumm.
Er sah sich um. Der Flur war leer.
Die Türen verschwunden. Die Wände rückten näher.
Und Jonas fragte sich, ob er jemals existiert hatte – oder ob er nur ein weiterer Eintrag in einem System war, das niemand verstand, ein Name, der nie hätte auftauchen dürfen, ein Schatten, der jetzt dorthin zurückkehrte, wo alle Fehlenden endeten.
In der Leere.
🕳️ „Protokoll der Abweichler“ – Politisch‑dystopische Langgeschichte
Jonas betrat das Regierungsgebäude wie jeden Tag. Die Schleusen summten, die Scanner tasteten ihn ab, und die Kameras folgten jeder seiner Bewegungen. Er war daran gewöhnt. Alle waren daran gewöhnt.
Seit der Reform zur Inneren Stabilität galt jeder Bürger als potenziell abweichend, bis das Gegenteil bewiesen war. Und das Gegenteil ließ sich selten beweisen.
Heute war etwas anders. Der Eingang war verlegt worden. Ein Schild erklärte:
„Zugang nur für Personen mit bestätigter Loyalität.“
Jonas blieb stehen. Er hatte nie eine Bestätigung erhalten. Er wusste nicht einmal, wie man eine beantragte.
Trotzdem ging er hinein. Die Tür öffnete sich, als hätte sie auf ihn gewartet.
1. Die Abteilung für Politische Abweichungen
Sein Arbeitsplatz befand sich laut Plan im Sektor 4‑E, doch der Aufzug zeigte nur ein flackerndes Symbol: ein Kreis, durchgestrichen von einer Linie.
Als die Türen sich öffneten, stand Jonas in einem Raum, den er noch nie gesehen hatte. Kein Schreibtisch, kein Computer – nur ein langer Tisch, auf dem ein einzelner Ordner lag.
Er nahm ihn in die Hand.
„Protokoll der Abweichler – Fall 717.“
Er schlug den Ordner auf. Die erste Seite war leer. Die zweite auch. Auf der dritten erschien langsam Schrift, als würde sie aus dem Papier herauswachsen:
„Name des Verdächtigen: Jonas. Grund der Untersuchung: Unklare Loyalität. Letzte Überprüfung: nie.“
Letzte Überprüfung: nie.“
Jonas schloss den Ordner. Seine Hände zitterten.
2. Die Befragung
Eine Tür öffnete sich lautlos. Ein Mann in einer grauen Uniform stand dahinter. Sein Gesicht war ausdruckslos, seine Stimme mechanisch.
„Sie wurden erwartet.“
Jonas folgte ihm in einen fensterlosen Raum. Ein Tisch. Zwei Stühle. Eine Kamera, die ununterbrochen blinkte.
„Setzen Sie sich.“
Jonas gehorchte.
Der Mann legte ein Formular vor ihn.
„Selbstdeklaration politischer Absichten.“
„Ich habe keine politischen Absichten“, sagte Jonas.
„Das sagen alle“, antwortete der Mann. „Bitte füllen Sie das Formular aus.“
Jonas sah auf die leeren Felder. Sie wirkten wie Fallen.
„Was passiert, wenn ich nichts eintrage?“
„Dann wird Ihre Absicht als unklar eingestuft.“
„Und wenn ich etwas eintrage?“
„Dann wird Ihre Absicht überprüft.“
„Und wenn sie nicht gefällt?“
Der Mann lächelte nicht. Er blinzelte nicht.
„Absichten gefallen nie.“
3. Die Frau aus der Schattenliste
Als Jonas den Raum verließ, begegnete er einer Frau im dunklen Mantel. Sie hielt einen Ordner, der seinem glich.
„Fallnummer?“, fragte sie.
„717.“
Sie nickte langsam. „Ich bin 716.“
„Was bedeutet das?“
„Dass wir beide zu spät sind.“
„Zu spät wofür?“
„Zu spät, um uns zu erinnern, wer wir waren, bevor sie uns registriert haben.“
Jonas wollte etwas sagen, doch die Lautsprecher erwachten.
4. Die Durchsage
Die Stimme war kalt, metallisch, endgültig.
„Achtung. Die Abteilung für Politische Abweichungen wird restrukturiert. Alle Fälle ab Nummer 700 gelten ab sofort als abgeschlossen. Die betroffenen Personen werden zur Endbearbeitung weitergeleitet.“
Die Frau sah Jonas an. „Das ist das Ende.“
„Was bedeutet Endbearbeitung?“
„Niemand kommt zurück.“
5. Der letzte Gang
Ein rotes Licht flammte auf. Die Türen im Flur öffneten sich gleichzeitig. Wächter traten heraus. Sie bewegten sich nicht schnell – sie mussten nicht. Jeder wusste, dass Flucht sinnlos war.
Jonas spürte, wie sich der Ordner in seiner Hand erwärmte. Er schlug ihn auf.
Auf der letzten Seite stand:
„Status: Abweichler bestätigt. Maßnahme: Entfernung aus dem System.“
Er sah die Frau an. Sie nickte nur.
„Wir waren nie mehr als Akten.“
Die Wächter kamen näher.
Jonas schloss die Augen.
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