Die Gestalt im Wasser bewegt sich nicht.
Nur der Nebel über dem See scheint dichter zu werden, als würde er sich um sie legen wie ein Schleier.
Du trittst einen Schritt zurück in die Hütte. Der Boden unter dir vibriert – kaum spürbar, aber eindeutig. Als würde etwas unter den Dielen atmen.
Das Notizbuch liegt wieder auf dem Tisch. Geschlossen. Trotzdem hörst du ein leises Kratzen darin, als würde jemand mit einem Stift über Papier fahren.
Du öffnest es. Eine neue Zeile steht dort, frisch, die Tinte noch feucht:
„Er ist nicht allein.“
Ein Schatten fällt über die Seite. Du drehst dich um.
„Wer ist er?“
Im Türrahmen steht eine zweite Gestalt. Tropfend. Reglos. Das Gesicht im Schatten verborgen.
Du willst fliehen, doch deine Beine fühlen sich schwer an, als würde der Boden dich festhalten. Die Gestalt hebt langsam den Kopf – und du erkennst, dass ihr Gesicht… falsch ist. Zu glatt. Zu leer. Als hätte jemand versucht, ein menschliches Gesicht nachzuformen – und sei gescheitert.
Dann hörst du es wieder: Das Telefon. Diesmal klingelt es nicht. Es atmet.
Du nimmst es zitternd in die Hand. Eine Stimme flüstert:
Die Taschenuhr spra
„Der See holt zurück, was ihm entkommen ist.“
Draußen beginnt die erste Gestalt, aus dem Wasser zu steigen. Langsam. Unaufhaltsam.
Und du weißt: Sie kommen nicht, um zu reden.
🌑 Teil 4 – Unter der Oberfläche
Die beiden Gestalten stehen nun vor der Hütte. Sie bewegen sich synchron, als wären sie von derselben unsichtbaren Kraft geführt. Der Nebel kriecht ihnen nach, drängt sich durch die Türspalte, legt sich wie kalter Atem auf deine Haut.
Du stolperst zurück, suchst nach einem Ausweg – doch die Fenster sind schwarz, als wäre draußen nichts mehr außer Dunkelheit. Der See hat den Wald verschluckt.
Das Notizbuch schlägt von selbst auf. Die Seiten rasen vorbei, bis es auf einer einzigen, beschriebenen Seite stoppt:
„Du warst schon einmal hier.“
Ein Schwindel überkommt dich. Bilder blitzen auf – verschwommen, bruchstückhaft: Du am See. Du im Wasser. Du, wie du schreist, während Hände dich nach unten ziehen.
Warst du… einer von ihnen?
Die Gestalten treten näher. Ihre Körper sind nass, aber kein Tropfen fällt zu Boden. Als wären sie aus Wasser geformt.
Die erste Gestalt hebt die Hand und berührt deine Brust. Eiskalt.
Ein Schmerz schießt durch dich, als würde etwas aus dir herausgerissen.
Du siehst hinunter – und für einen Moment spiegelt sich im Fenster nicht dein Gesicht, sondern ein anderes. Verzerrt. Ertrunken.
Die Stimme aus dem Telefon flüstert ein letztes Mal:
„Der See erinnert sich an jeden, der in ihm unterging.“
Die Gestalten packen dich. Der Boden öffnet sich unter deinen Füßen wie eine Wasseroberfläche. Du fällst – nicht nach unten, sondern in die Tiefe.
Kälte. Dunkelheit. Stille.
Als du die Augen öffnest, stehst du am Ufer. Allein. Die Hütte hinter dir. Der See vor dir.
Und im Sand: Fußspuren. Deine eigenen.
Sie führen direkt ins Wasser. Doch keine führen wieder heraus.
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