Die Hütte lag einsam am Ufer, umgeben von dichtem Wald, der selbst am Tag kaum Licht hindurchließ. Der See war glatt wie Glas, dunkel, fast schwarz – ein Ort, der Geräusche verschluckte und Zeit langsamer machte.
Du hattest die Hütte gemietet, um Abstand zu gewinnen. Keine Nachbarn, kein Empfang, nur Stille. Doch schon am ersten Morgen bemerkst du etwas, das nicht dorthin gehört.
Im feuchten Sand am Ufer: Fußspuren. Groß, tief, eindeutig menschlich.
Sie führten vom Wald direkt zum Wasser. Doch es gab keine Spuren, die wieder herausführten.
Du folgst ihnen, Schritt für Schritt, bis sie abrupt im See enden – als wäre jemand hineingegangen und nie zurückgekehrt. Ein kalter Wind streicht über die Wasseroberfläche. Etwas bewegt sich in der Tiefe. Oder du bildest es dir ein.
„Wer ist er?“
In der Hütte findest du später ein altes Notizbuch unter einem losen Dielenbrett. Nur ein Satz steht auf der ersten Seite:
„Der See nimmt nur, was ihm gehört.“
Du schlägst die nächste Seite auf. Leer. Die dritte. Leer. Doch auf der vierten Seite steht ein Datum – morgen – und darunter ein einzelner Satz:
„Der Besucher kommt wieder.“
Du hörst ein Geräusch draußen. Schritte. Langsam. Nass.
Als du die Tür öffnest, siehst du sie wieder: Frische Fußspuren im Sand. Diesmal führen sie nicht zum Wasser. Sondern zur Hütte.
Und sie enden direkt vor deiner Tür.
🌫️ Teil 2 – Der Besucher aus der Tiefe
Du trittst einen Schritt zurück. Die Tür ist offen, der Wind drückt sie leicht gegen deine Hand. Draußen ist niemand zu sehen – nur der See, der im Abendlicht wie ein schwarzer Spiegel wirkt.
Dann hörst du es. Ein Tropfen. Noch einer. Ein dritter.
Wasser. Im Flur.
Du folgst der Spur – kleine, dunkle Flecken auf den Holzdielen, als hätte jemand mit nassen Füßen die Hütte betreten. Die Tropfen führen zum Tisch, auf dem das Notizbuch liegt.
Es ist geöffnet. Auf einer Seite, die vorher leer war, steht nun ein neuer Satz:
„Du bist nicht der Erste, der Antworten sucht.“
Ein Schauer läuft dir über den Rücken. Du greifst nach dem Buch – es ist feucht. Eiskalt.
Plötzlich klingelt dein Handy. Kein Empfang, und doch klingelt es. Der Bildschirm bleibt schwarz, aber du hörst eine Stimme, verzerrt, tief, wie aus weiter Ferne:
„Geh nicht ans Wasser.“
Dann bricht die Verbindung ab.
Du rennst zur Tür. Draußen ist es inzwischen fast dunkel. Der See liegt still.
Dann siehst du es: Eine Gestalt steht im Wasser, bis zu den Knien, unbeweglich, den Kopf leicht zur Seite geneigt – als würde sie dich beobachten.
Du willst schreien, aber deine Stimme bleibt stecken. Die Gestalt hebt langsam den Arm und zeigt auf dich.
Im selben Moment schlägt das Notizbuch hinter dir zu. Die Hütte bebt leicht, als würde etwas unter den Dielen entlanggleiten.
Die Stimme aus dem Telefon flüstert erneut – diesmal direkt hinter dir:
„Der See vergisst nie.“
Und du weißt: Was immer unter der Oberfläche lauert, hat dich längst bemerkt.
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