Der See liegt still.
Zu still. Die Oberfläche ist glatt wie ein Auge, das dich beobachtet.
Du stehst am Ufer, deine eigenen Fußspuren im Sand – jene, die ins Wasser führen und nie wieder heraus. Ein Déjà‑vu brennt in deinem Kopf, als würde eine Erinnerung versuchen, durch eine Wand aus Nebel zu brechen.
Das Notizbuch liegt in deiner Hand. Es ist trocken. Obwohl du weißt, dass es das nicht sein sollte.
Du schlägst es auf.
Keine Schrift. Nur eine Zeichnung.
Ein Kreis. Ein Auge. Ein See.
Darunter ein Wort, das du nicht kennst – und doch spürst du, dass es dich meint:
„Rückkehrer.“
Der Boden unter dir bebt. Nicht wie Erde – eher wie ein Herzschlag. Ein gewaltiger, tiefer Puls, der aus der Tiefe des Sees kommt.
Der Nebel teilt sich. Etwas steigt aus dem Wasser.
Nicht menschlich. Nicht tierisch. Etwas… Formloses. Als würde der See selbst versuchen, eine Gestalt anzunehmen, aber nicht verstehen, wie ein Körper funktioniert.
Es spricht nicht. Und doch hörst du es.
Nicht mit den Ohren. Mit dem Verstand.
„Du bist Teil von mir.“
Bilder fluten deinen Kopf. Nicht Erinnerungen – Fragmente eines Bewusstseins, das älter ist als Sprache. Der See ist kein Gewässer. Er ist ein Schlafender. Ein uraltes Wesen, das träumt – und dessen Träume manchmal an die Oberfläche dringen.
Die Gestalten, die dich verfolgten. Die Stimmen. Die Fußspuren.
Alles waren Ausläufer seines Traums. Fragmente. Echo‑Körper. Unvollständige Abbilder von Menschen, die er einst verschlungen hat.
Die Stimme flüsterte
Und du… Du warst einer von ihnen.
Du siehst dich selbst im Wasser – nicht dein Spiegelbild, sondern dein früheres Ich. Wie du einst in den See gezogen wurdest. Wie du ertrankst. Wie der See dich behielt.
Doch irgendetwas an dir war anders. Du bist zurückgekehrt. Nicht vollständig. Nicht lebendig. Nicht tot.
Ein Fehler im Traum.
Das Wesen erhebt sich weiter, bis es über dir steht. Seine „Augen“ – wenn man sie so nennen kann – sind schwarze Wirbel, die sich drehen wie Strudel.
„Du störst den Schlaf.“
Der Boden öffnet sich. Nicht wie Wasser – eher wie Haut, die aufreißt. Dunkle Tiefe darunter. Ein Schlund.
Du spürst, wie dich etwas nach unten zieht. Nicht körperlich – geistig.
Als würde dein Bewusstsein auseinandergezogen werden, Faden für Faden.
Du schreist. Oder glaubst zu schreien. Kein Laut kommt heraus.
Das Notizbuch fällt dir aus der Hand. Es schlägt auf – und eine letzte Seite erscheint, die vorher nicht da war:
„Der See vergisst nie. Aber er kann neu träumen.“
Dann wirst du hinabgezogen. In die Tiefe. In die Dunkelheit. In den Traum.
🌑 Abschluss – Das Ende
Am nächsten Morgen findet ein Wanderer die Hütte. Leer. Still. Unberührt.
Nur eines fällt ihm auf:
Im Sand am Ufer führen Fußspuren ins Wasser. Frisch. Klar.
Doch keine führen wieder heraus.
Der See liegt ruhig. Schwarz. Schlafend.
Und tief unten, in der Dunkelheit, beginnt ein neuer Traum.
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