Im Rheinland weiß jeder: Wer in der Mainacht seinen Maibaum nicht bewacht, der hat am Morgen vielleicht keinen mehr. Oder einen anderen. Oder einen schöneren. Oder einen, der plötzlich beim Nachbardorf steht.
Im Dorf von Lea und Jonas war das nicht anders.
Der große Maibaum auf dem Platz war schon am Nachmittag aufgestellt worden, bunt geschmückt, mit Kränzen und Bändern, die im Wind flatterten. Die Musik spielte, die Leute tanzten in den Mai, und überall roch es nach Grill, Birkenzweigen und ein bisschen Abenteuer.
Jonas hatte für Lea einen persönlichen Maibaum vorbereitet – eine schlanke Birke, mit roten Bändern und einem kleinen Herz aus Holz. Er wollte ihn in der Nacht vor ihr Haus stellen. Ganz traditionell. Ganz still. Ganz ehrlich.
Doch seine Freunde hatten andere Pläne.
„Pass bloß auf“, rief einer lachend, „sonst klauen wir dir das Ding noch!“ Jonas winkte ab. „Ihr seid doch nicht verrückt.“
Aber im Rheinland ist niemand verrückt. Nur traditionsbewusst. Als Jonas später kurz wegschaute – wirklich nur einen Moment – war die Birke verschwunden. Einfach weg. Nur ein paar Fußspuren im Staub, ein abgerissenes Band, und das entfernte Gelächter einer Gruppe, die eindeutig zu viel Spaß hatte. Er rannte los, suchte hinter Ständen, hinter dem Getränkewagen, sogar hinter dem Akkordeonspieler. Nichts.
Bis er schließlich am Rand des Platzes Lea sah. Sie stand vor einer Birke, die eindeutig seine war – nur dass sie nun doppelt so viele Bänder hatte und ein Schild, auf dem stand:
„Wer sie findet, darf sie behalten – aber nur, wenn er sie verdient.“
Lea sah ihn an, die Arme verschränkt, aber mit einem Lächeln, das verriet, dass sie längst wusste, was passiert war.
„Schöner Baum“, sagte sie. „Ist er geklaut worden?“ „Vielleicht“, murmelte Jonas. „Vielleicht auch gerettet.“
Sie trat näher, berührte eines der Bänder. „Dann bring ihn doch zu mir. Wenn du ihn tragen kannst.“
Er hob die Birke an – schwerer als vorher, wahrscheinlich wegen all der zusätzlichen Bänder, die seine Freunde aus purer Liebe zum Chaos drangebunden hatten – und trug sie zu ihrem Haus.
Dort stellte er sie ab, atmete tief durch. Lea legte eine Rose zwischen die Zweige.
„Jetzt ist er komplett“, sagte sie. Und Jonas wusste: Manchmal braucht es im Rheinland ein bisschen Schabernack, ein bisschen Humor und einen geklauten Maibaum, damit zwei Menschen sich endlich finden.
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